über die objects of evolution

 

von Dr. Peter Funken – Kurator, Kunstjournalist, Autor – Berlin

 

 

 

 

Die Kunst von Casmina Magdalena Haas entsteht im Zusammenspiel mit der Natur
– sie bedarf des hellen Lichts, natürlicher Stoffe und Materialien, aber auch –
und nur so entsteht das Kunstwerk – des Geistes.

 

Die Künstlerin fügt ihre Bildwerke und Objekte aus Materialien, die sie bewusst im Naturraum sammelt und für ihre Werke einsetzt und verwertet. Es sind Hölzer, Tannen- und Piniennadeln, Bambusse und Seegras, verschiedene Getreidesorten, etwa Roggen, Weizen und Hirse, wie auch Reis, Linsen und Amarant – zudem verwendet sie Sand. Immer arbeitet die Künstlerin mit Gewachsenem, nicht mit Gemachtem.

Aus solchem Material gestaltet Casmina M. Haas ihre komplexen Objekte und Bildkörper der umfangreichen Werkgruppe „Objects of Evolution“. Sie verwendet die gefundenen Naturprodukte, um sie im weiteren Prozess der Bildherstellung zu vergolden oder einzufärben, so dass Anschauungstafeln der Kontemplation und des Spirituellen entstehen.

Ihr Werk bewegt sich dabei immer zwischen den Polen von Materialisierung und Entmaterialisierung, wie auch im Spannungsfeld von konkreter Formfindung und einer Sublimierung der Materie im Sinne eines geistigen Erlebnisses.

Im Werkprozess entwickelt Casmina M. Haas vor allem monochrome Oberflächen, die als All-Over-Strukturen den Form- und Ausdruckseigenschaften des jeweils verwendeten Naturmaterials folgen. So zeigt ein aus Reiskörnern gewonnenes Bild in reinem Weiß als Oberflächenstruktur eine feine, gleichmäßige Körnung, die das Licht folgerichtig gleichmäßig erfasst und reflektiert. Doch besteht eine solche Arbeit nicht allein aus der Oberfläche, vielmehr sind ihre Seitenteile ebenfalls mit dem aufgebrachten Reis und der bindenden Farbe gestaltet. Ergebnis ist ein dreidimensionales Bildobjekt, ein Bildkörper mit einem Licht- und Farbvolumen, dessen Ecken durch den Materialauftrag weich gerundet sind. Mit dieser und vergleichbaren Arbeiten entwickelt sich die Vorstellung eines Gegenstandes im Raum, dessen Form keine scharf gezogenen Grenzen mehr kennt, sondern vor der Wand und im Raum zu schweben scheint, weil das Bildvolumen in den Raum drängt. Eine solche Bildform verweist anders als eine übliche Malerei auf seine konkrete Gestalt und die reale Materie, aus der sie gewonnen wurde. Von daher kann man die Arbeiten der Künstlerin auch als Materie-Objekte bezeichnen, die sowohl konkret-abstrakte wie auch spirituell-meditative Eigenschaften besitzen.

Kunst wird somit zu einem Verfahren, Wirklichkeit zu gewinnen und Erkenntnisse über Natur- und Werkprozesse sichtbar zu machen und zu vermitteln.

Für die Kunst von Casmina M. Haas bedeutet dies zudem, dass Naturzusammenhänge, die sie erkannt hat, im sorgsamen Prozess ihrer Arbeit in das Kunstwerk übergehen und dort stabil existieren. Zwischen dem künstlerischen Handeln, also der Herstellung einer Bildtafel oder eines Material-Objekts, und dem endgültigen Ergebnis des Kunstwerkes existiert somit eine nicht auflösbare, inhärente Beziehung, die die Künstlerin mit ihren Worten beschreibt, wenn sie äußert, es gehe bei ihrer Kunst stets darum, das Neue zu sehen, um das Neue zu schaffen. In diesem Sinne arbeitet Casmina M. Haas als Generalistin – sie beschäftigt sich genauso mit aktuellen Erkenntnissen der Naturwissenschaft wie mit alter Philosophie, unmittelbarer Naturbetrachtung oder meditativer Betrachtung.

Im Sinne der Kunstwissenschaft lassen sich ihre Werke der Serie „Objects of Evolution“ vor allem in zweifacher Hinsicht verorten – sie berühren sowohl Aspekte der Strömung des so genannten „Sublime Painting“, wie es durch die gegenstandslose Malerei amerikanischer Künstler wie Barnett Newman, Mark Rothko oder Mark Tobey in den 50er und 60er des letzten Jahrhunderts auf uns gekommen ist, wie ebenfalls Wahrnehmungsweisen, die durch Künstler der Gruppe ZERO und des Nouveau Realisme in Deutschland und Frankreich etwa zur gleichen Zeit entstanden. Man kann hier ruhig von einer Fortsetzung oder Fortführung der genannten Ansätze sprechen, die – wie man beim Werk von Casmina M. Haas leicht erkennen kann – auf der Basis eines meditativ-sinnlichen und konkreten-künstlerischen Handels bis in die Gegenwart noch zahlreiche ästhetische Möglichkeiten eröffnen.

Zu ergänzen wäre, dass die Künstlerin mit ihrer Hinwendung an Gold als Farbe und Materie auch an bedeutend ältere Kunstvorstellungen anknüpft, nämlich an die mittelalterliche Tafelmalerei, wie sie uns zum Beispiel bei Masaccio oder Stefan Lochner begegnet – gemeint ist der Goldgrund als heiligem und himmlischem Stoff, der anstatt der später entwickelten Hintergrundlandschaft die Aura des Göttlichen bezeichnet, in der das Bildgeschehen, etwa die Anbetung des Jesuskindes stattfindet. Später, in der Moderne und der Kunst des 20. Jahrhunderts begegnet man dem edlen Material Gold nur noch äußerst selten, da vor allem bei Yves Klein, dem Hauptvertreter des Nouveau Realisme, und bei seiner Hinwendung an Vorstellungen von Mystik und Spiritualität. Ähnlich wie Yves Klein verwendet Casmina M. Haas für ihre Werke Blattgold, also ein kostbares, vom Gewicht befreites Material in berührbarer Immanenz. Mit dem Einsatz von Gold entsteht in ihrer Kunst etwas Absolutes, ideal Schönes und wertvoll Prächtiges.

Eine größere Anzahl von Arbeiten der Künstlerin ist jedoch mit weißem Pigment bearbeitet. Es sind insbesondere jene, die als Grundstoff Getreide und Baumnadeln besitzen. Die Farbe Weiß besticht durch ihre Reinheit, sie erscheint als zeitlos Objektives und verhilft den Bildoberflächen zu einer besonderen Klarheit und vornehmen Helligkeit.

Mit ihrer präzisen Orientierung an der Beziehung von Naturmaterial und konkreter Gestaltung hat Casmina M. Haas unverkennbar eine eigene Handschrift entwickelt. Kreiert wird diese Handschrift durch den sensiblen Einsatz des Naturmaterials und der seriellen Anordnung der Hölzer und weiterer Stoffen. Mit der Reduktion auf wenige, dafür aber formal ausdrucksvolle stilistische Eigenheiten gelingt es Casmina M. Haas, wirkungsvolle und beeindruckende Bildwerke und Objekte herzustellen, deren Bildsprache keineswegs kulturell festgelegt ist, denn die Künstlerin vertraut vor allem auf die Ausdruckskraft und Präsenz der von ihr verwendeten Naturstoffe, die sie mit der ihr eigenen künstlerischen Sensibilität im Bildraum anordnet und damit erst als Artefakte wahrnehmbar macht.

In Hinblick auf eine solche Wahrnehmung der Naturstoffe im Kunstwerk geht es Casmina M. Haas vor allem um persönliche Darlegungsformen der von ihr erkannten Wirkungskräfte des Lebendigen und Natürlichen – also um die Urkräfte der Natur, von der die Menschen trotz aller technischen Bemühungen immer abhängig waren, sind und sein werden.

Casmina M. Haas Arbeiten der Werkserie „Objects of Evolution“ verweisen im Sinne dieses Gedankens also auf die unendliche Vitalität, die unserem Planeten auf so geheimnisvolle Weise eigen ist, die jedes Leben in einem immer währenden Kreislauf hervorbringt und auch absterben lässt. Diese Prozesse werden in ihren Materie-Objekten und Bildern deutlich erkennbar und spürbar – sie erscheinen den Arbeiten wie eingeschrieben und bezeichnen dabei zudem die Einstellung und Position der Künstlerin der Natur gegenüber, die in ihren Werken als etwas Verehrungswürdiges, geradezu Heiliges zu begreifen ist.

Dies geschieht im Werk von Casmina M. Haas in großer Anschaulichkeit, mit den Mitteln der Kunst und der Gestaltung, also in einer unmittelbaren Weise, die sich zugleich an Verstand und Gefühl wendet und damit universelle Möglichkeiten eröffnet und besitzt.